Istrien Live - ✅ DAS Istrienforum

  #1  
Alt 24.09.2019, 17:51
Egbert offline
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Kroatien Fan seit: 13.03.2019
Ort: Österreich
Beiträge: 80
Standard Die Vorläuferin der Tabakfabrik in Rovigno

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war Rovigno mit fast 10.000 Einwohnern die wichtigste Handels- und Hafenstadt in Istrien, in der Handwerker, Kaufleute, Gewerbetreibende und Gastwirte ihr Auskommen fanden. Die meisten Menschen lebten aber noch immer weitgehend von Fischfang, Viehzucht und der Landwirtschaft und auch der Schiffbau und die Steinbrüche in der Umgebung boten den Bewohnern Arbeit. Rovigno hatte damals von allen Städten an der istrischen und dalmatinischen Küste die größte Zahl an Handelsschiffen; die Seefahrt spielte eine enorme Rolle.

Doch die industrielle Revolution veränderte vieles: Die Segelschiffe der Rovignesen wurden durch die Dampfschiffe verdrängt, das aufstrebende Pola mit den vielen Arbeitsplätzen im industrialisierten Seearsenal lockte viele männliche Rovignesen an. Ungefähr 2000 Einwohner Rovignos zogen nach Pola, fast ebensoviele verließen die Stadt bis 1880, um anderswo ihr Glück zu finden. Im Vergleich zu vielen kleineren istrischen Orten, die nicht in der Lage waren, sich den veränderten Bedingungen anzupassen, meisterte Rovigno die Herausforderungen dennoch recht gut: Durch die Ansiedlung kleiner Betriebe gelang es, neue Einkommensquellen für die Bevölkerung zu erschließen; so wurden im Lauf der Jahre 1847 bis 1882 eine Nudelfabrik, eine Olivenölproduktion, eine Zementfabrik, eine Seifenfabrik, eine Textilfabrik, eine Kerzenfabrik, eine Konservenfabrik und eine Destillerie eröffnet.

Am bedeutungsvollsten aber ist die Gründung der „I.R. Manufattura tabacchi“, der Vorläuferin der heutigen Tabakfabrik, im Jahr 1872. In adaptierten Räumen in einem Haus der Via San Damiano wurde am 16. August in bescheidenstem Umfang mit der Erzeugung von Zigarren und Pfeifentabak begonnen. Der Mann, der dies initiierte, war der damalige Bürgermeister von Rovigno, Dr. Matteo Campitelli (1830 – 1904). Bereits 1871 hatte er – wohl angesichts des hohen Frauenüberschusses in der Stadt und der fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten für diese, als auch in Erkenntnis der zunehmenden Leidenschaft für Tabakwaren – beim Finanzministerium in Wien, das für das Geschäft mit Tabakwaren zuständig war, um die Bewilligung zur Firmengründung angesucht. Die Manufattura tabacchi in Rovigno war eine der 30 österreichischen Tabakfabriken und somit Teil der k.k. Tabakregie, die das staatliche Monopol zur Herstellung und zum Vertrieb von Tabakwaren innehatte.

Dass die Arbeitsplätze heiß begehrt waren zeigt die Tatsache, dass sich um die 700 Mädchen und Frauen um die Stellen bewarben. Zu Beginn arbeiteten je zwölf Beschäftigte an zwölf großen Tischen. Die Anzahl der Arbeitstische, an denen die Zigarren händisch gerollt wurden, erhöhte sich laufend, und Ende 1873 arbeitete man schon mit 401 Beschäftigten. Nur zehn davon waren Männer.

Das Wort „Fabrik“ ist vorerst noch nicht wirklich angebracht: Es gab 13 verschiedene Erzeugungsgeräte, aber noch keine Maschinen in herkömmlichem Sinn. Der Tabak wurde aus Java und aus den Niederlanden importiert, der größte Teil stammte aber aus verschiedenen Teilen der Monarchie, hauptsächlich aus der Hercegowina. In den folgenden Jahren kamen Importe aus anderen Ländern dazu und die Produktion stieg stetig an: 1876 waren bereits 552 Frauen beschäftigt, die knapp 16 Millionen Zigarren herstellten. Mehr war in den Räumen in der Via San Damiano nicht zu schaffen – eine neue Fabrik wurde notwendig.
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  #2  
Alt 30.09.2019, 18:27
Konni, im Istrien Forum
Konni offline
Super-Moderatorin
Interessen: Istrien - Dalmatien - Geschichte und Mythen
Kroatien-Profi
 
Kroatien Fan seit: 01.12.2009
Ort: im schönen (sym)badischen Odenwald
Beiträge: 5.181
Standard

Danke Egbert für deinen interessanten Bericht.

Es gibt auch heute noch eine Tabakfabrik in Rovinj. Die Firma TDR doo, Obala V. Nazora 1 in Rovinj. Die Marke "York", die ich auch rauche, wenn ich in Istrien bin, wird dort hergestellt.

- - - - -
Viele Grüße aus dem schönen Odenwald

Konni






MEER GEHT IMMER!
Könnte man das Meer einpacken und mitnehmen, hätte ich die Adria schon längst bei mir Zuhause!



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  #3  
Alt 01.10.2019, 07:56
Egbert offline
Kroatien-Fan
 
Kroatien Fan seit: 13.03.2019
Ort: Österreich
Beiträge: 80
Standard

Hallo Konni!

TDR (ein ZUsammenschluss der Tabakfabrik, des Verpackungsmittelherstellers Istragrafika in Kanfanar und der Handelsorganisation Duhan in Rijeka), zuletzt ein Teil der Adris-Gruppe, wurde 2015 an die British American Tobacco verkauft.
Für das neue Werk in Kanfanar wurde beim Kauf eine Weiterführungsgarantie über 5 Jahre abgeschlossen, ob damit auch das Werk in Rovinj gemeint ist, weiß ich nicht. Ist eber eh egal, die 5 Jahre sind 2020 um. Ich bin überzeugt, dass irgendwelche russische, chinesische, ... Unternehmer bereit sind, für das Objekt ganz tief in die Tasche zu greifen um die Tabakfabrik, oder zumindest das Grundstück, einer touristischen Nutzung zuzuführen und sich damit eine goldenen Nase zu verdienen.

Mit vielen Grüßen aus der Steiermark
Egbert
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